LN IV

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„Die ganze Mannigfaltigkeit, der ganze Reiz und die ganze Schönheit des Lebens setzen sich aus Licht und Schatten zusammen.“
Leo Nikolajewitsch Tolstoi
 
Tolstois Zitat bekommt etwas sehr Konkretes, wenn man sich mit Camille von Deschwanden leuchtenden Papierobjekten auseinandersetzt.
Die 44-jährige Freiburger Künstlerin „malt“ mit Licht, während die Mannigfaltigkeit des Werkstoffes Papier ihr als Träger dient. Beinahe schon in einem alchemistischen Prozess kreiert sie aus feinsten Fasern und mit Farbpigmenten angereicherten Papierbahnen, die in ihrer Dichte und in ihrer mit Zufälligkeiten durchsetzten, virulenten Beschaffenheit ein Eigenleben zu führen scheinen.
Manche dieser teils riesigen Leinwände (1m x 1m) durchzieht die über die Landesgrenzen hinaus bekannte Künstlerin mit Leuchtdioden, die wie feine Lebensadern die Träger zum Pulsieren bringen, während schwarze abstrakte „Landschaften“ gerade durch ihre Dunkelheit eine besondere Magie verströmen. Ein ganz besonderes Geheimnis scheinen auch ihre von Innen heraus leuchtenden Kokons zu bergen. Frech spriessen Büschel von Fell aus den exotisch bunten Gebilden. „Was wird hier ausgebrütet?“, fragt man sich unweigerlich. Vielleicht die Kunst selbst, kann man diese Kokons doch als Sinnbilder für den Kreationsprozess, der Zeit und Wachstum benötigt lesen.
Soeben zurück aus Strassburg, wo Camille von Deschwanden in der Kirche Saint Pierre ausstellte kommt sie nun mit einer neu arrangierten Installation nach Bern. Die von dem japanischen Klangkünstler Wataru Miyakawa musikalisch untermalten Leuchtkörper ergeben im Galerienraum ein sinnliches Ganzes.
 
Helen Lagger, Kulturjournalistin